Der Ton, der uns nicht loslässt: Warum das Bordunprinzip bis heute fasziniert
Ein Hümmelchen (leiser Renaissance-Dudelsack) mit einem Bordun, kleine Querflöte, Whistle aus Holz und eine Dwojnica, eine polnische Bordunflöte
Ich war ungefähr sechs Jahre alt, als ich zwei Kassetten mit Musik der Royal Scots Dragoon Guards bekam. Schottische Dudelsackmusik. Ich habe diese Kassetten so oft gehört, dass das Band eines Tages ausgeleiert war. Meinen ersten eigener Dudelsack, ein Hümmelchen, bekam ich erst mit 14. Mit Anfang 20 habe ich dann über zehn lang Jahre in einer Pipe Band Great Highland Bagpipe gelernt und gespielt. Der Ton, der mich als Kind gepackt hat, war der des Borduns und die Melodie, die sich im Spannungsfeld zu diesem statischen Grundton entwickelt.
Was ist ein Bordun?
Ein Bordun ist ein Ton, der durchgehend klingt, während sich darüber eine Melodie bewegt. Er verändert sich nicht, er begleitet nicht im klassischen Sinn, er trägt. Beim Dudelsack übernehmen das die Bordunpfeifen, bei der Drehleier eine eigene, ständig mitschwingende Saite. Das Prinzip ist uralt und global zu finden. Es taucht in fast jeder frühen Musikkultur auf, unabhängig davon, ob diese Kulturen je Kontakt zueinander hatten.
Ein Prinzip, viele Kulturen
Dudelsack-Traditionen Europas. Von der schottischen Great Highland Bagpiperdspaniens über die bulgarische Gaida oder Gaita Nordspaniens bis zum Hümmelchen im deutschsprachigen Raum: Der Bordun ist das konstruktive Herzstück des Instruments in fast allen europäischen Dudelsacktraditionen. Ohne die Bordunpfeifen gäbe es kein "Dudelsack-Gefühl", nur eine Melodie ohne Fundament.
Die Drehleier. Über die Kurbel wird nicht nur die Melodiesaite in Schwingung versetzt, sondern auch mindestens eine Bordunsaite. Ohne diesen Dauerton ist das Instrument nicht vollständig, der Bordun ist hier konstruktiv fest verankert.
Indische Klassik. Die Tanpura oder die Shruti-Box liefern stundenlang denselben Grundton, während Sitar oder Gesang darüber improvisieren. Kein Raga-Konzert kommt ohne sie aus, sie ist der klangliche Boden, auf dem alles andere steht.
Das Didgeridoo der australischen Aborigines. Hier wird das Prinzip radikal auf die Spitze getrieben: Der Dauerton ist nicht Begleitung, er ist fast das gesamte Instrument. Rhythmus und Obertöne entstehen innerhalb dieses einen, durch Zirkuläratmung nie endenden Tons.
Die Launeddas Sardiniens. Drei Rohre aus Schilf, gespielt mit Zirkularatmung für einen nie abreißenden Klang. Eines der drei Rohre, der Tumbu, hat keine Grifflöcher und liefert ausschließlich den Borduntonton, während auf den anderen beiden die Melodie gespielt wird. Eine sardische Bronzefigur mit einer Vorform des Instruments wird auf etwa 1000 v. Chr. datiert. Die Launeddas gelten damit als eines der ältesten polyphonen Instrumente der Welt.
Zwei Launeddas-Spieler in traditioneller sardischer Tracht bei einem Auftritt in Selargius.
Foto: Gianni Careddu, Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Der Ison: Der gesungene Bordun
In der byzantinischen Kirchenmusik heißt dieser Dauerton Ison. Er wird nicht gespielt, sondern gesungen, meist von einer eigenen Sängergruppe, die über die gesamte Länge eines liturgischen Gesangs Borduntöne hält, während die Melodie sich darüber bewegt. Der Ison hat dabei eine klare liturgische Funktion: Er verankert den Gesang harmonisch und lässt die Gemeinde den Grundton jederzeit als festen Bezugspunkt hören, auch wenn die Melodiestimme weit wandert. Der Ison ist damit vielleicht der reinste Beweis dafür, dass das Bordunprinzip kein reines Instrumentenphänomen ist, es ist ein menschliches.
Warum berührt uns das so tief?
Ein Grundton, der sich nicht verändert, gibt dem Gehirn etwas, das selten geworden ist: einen fixen Punkt.
[Bordun setzt ein] → [Fixpunkt für das Gehirn] → [Melodie darf sich frei, aber nach Regeln, darüber bewegen] → [Fokus statt Reizüberflutung]
Genau das erzeugt die archaisch-meditative, fast hypnotische Wirkung, die viele Menschen beim Klang von Bordunmusik verspüren, auch wenn sie den Grund dafür nicht benennen können.
Im Unterricht erlebe ich diesen Effekt regelmäßig. Sobald ein Schüler zum ersten Mal einen Bordun unter seiner eigenen Melodie hört und klanglich zu kontrollieren lernt, verändert sich die Melodiewahrnehmung drastisch. Der Dauerton nimmt dem Gehirn die Aufgabe ab, sich ständig neu zu orientieren, und schafft so Raum für Fokus.
Der Bordun heute
Das Prinzip ist nicht in der Vergangenheit stehen geblieben. Die moderne Drone- und Ambient-Musik, wie sie unter anderem mit Namen wie Brian Eno oder La Monte Young verbunden wird, greift genau dieses Prinzip auf: Ein stehender Klangteppich, über dem sich alles andere frei entfalten kann. Auch Meditations- und Yoga-Apps setzen bewusst auf Tanpura- oder Bordun-Aufnahmen im Hintergrund, weil dieser eine, gleichbleibende Ton nachweislich beruhigt. Selbst in der Filmmusik taucht der Bordun als stilistisches Mittel für archaische, erdende Klangwelten immer wieder auf. Der Dauerton ist also kein musikhistorisches Relikt, er ist bis heute ein aktives Musikwerkzeug.
Fazit
Ob beim Dudelsack, der Drehleier, in der indischen Tanpura oder im byzantinischen Ison, bei den sardischen Launeddas: Der Bordun ist eines der ältesten und zugleich beständigsten Prinzipien der Musikgeschichte. Er zeigt, dass Musik nicht nur Bewegung und Veränderung braucht, sondern genauso einen festen Ankerpunkt, an dem sich alles andere orientieren kann. Vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser eine, gleichbleibende Ton uns bis heute nicht loslässt.
Dein Einstieg in den Dauerton
Wenn du selbst hören willst, wie ein Bordun eine Melodie trägt, probier meinen kostenlosen Bordungenerator, die Shruti Box Pro, direkt im Browser aus. Link zur Folk DNA Shruti Box.
Und wenn du wissen willst, wie du selbst in diese Welt einsteigen kannst, findest du hier deine kostenlosen Schnellstart-Anleitungen:
Bordun · Ison · Musikethnologie · Dudelsack · Drehleier · Didgeridoo · Active Music Wellness