Das Hümmelchen ist ein kleiner Dudelsack aus der Renaissance, den Instrumentenbauer seit den 1970er Jahren wieder nach alten Quellen bauen. In meiner Messung lag es bei 75 Dezibel, mein Mittelalter-Dudelsack bei 105 und eine Highland Pipe, ein großer schottischer Dudelsack, nochmal darüber. Damit gehört das Hümmelchen zu den wenigen Dudelsäcken, mit denen man zu Hause überhaupt spielen kann, ohne Familie, Mitbewohner oder Nachbarn allzu arg zu stören.
Für mich war das Hümmelchen der Anfang in der Welt der Dudelsäcke. Ich war vielleicht 16, als mein Vater mit mir in den Odenwald zu Michael Hofmann fuhr. Dort bekam ich meinen ersten Dudelsack, ein Hümmelchen, das ich bis heute habe. Seit 2013 unterrichte ich das Instrument, und für viele meiner Schüler war es ebenfalls der Einstieg in die Dudelsackwelt.
Timo Bark spielt Hümmelchen im Wald
Wie klingt ein Hümmelchen?
Weich und rund, mit einem warmen Klang. Es verträgt sich gut mit anderen akustischen Instrumenten wie Gitarre, Drehleier, Flöten, Geigen etc. Wer selbst Dudelsack spielt, sitzt mitten in einer Klangwolke aus Borduntönen und der Melodie. Dieser Klang begeistert, und wenn Schüler das erste Mal selbst diese Klangwolke erzeugen, sieht man ihnen die Begeisterung stets an.
In diesem Video stelle ich dir die verschiedenen Dudelsäcke mit Klangbeispielen vor:
Was die alten Quellen erzählen
Schon 1511 bildet Sebastian Virdung in seiner Musica getutscht eine Sackpfeife ab. Gut hundert Jahre später beschreibt Michael Praetorius im zweiten Band seines Syntagma Musicum die Sackpfeifen seiner Zeit. Neben großen Instrumenten wie Bock und Schäferpfeife nennt er zwei kleinere Dudelsackarten, das Hümmelchen und den Dudey.
Das Hümmelchen bei Praetorius, Syntagma Musicum 1619
Auch in Frankreich schätzte man leise Dudelsäcke. Marin Mersenne widmet sich 1636 in seiner Harmonie universelleausführlich der Musette, einem feinen höfischen Dudelsack mit Blasebalg.
Später geriet das Hümmelchen in Vergessenheit, bis Instrumentenbauer ab den 1970er Jahren begannen, es nach den alten Quellen zu rekonstruieren.
Eine große Familie: Hümmelchen, Dudey und die Smallpipes
Der Dudey ist im Grunde ein Hümmelchen mit drei Bordunen, also drei Begleitpfeifen für den typischen Dauerton. Alle drei stecken zusammen in einem gemeinsamen Bordunstock.
Im National Museum of Scotland in Edinburgh liegt ein Instrument mit genau dieser Bauweise. Sein Bordunstock trägt eine Inschrift mit dem Namen eines Colonel Montgomery und dem Datum 4. Januar 1757. Es ist die älteste datierte schottische Smallpipe, mit drei Bordunen in einem gemeinsamen Stock und einer sehr engen Bohrung. Neben Praetorius’ Dudey gelegt, ist die Ähnlichkeit deutlich. Eine direkte Abstammung lässt sich daraus allerdings nicht ableiten, dafür fehlen die Belege.
Unterschiede gibt es u. a. bei der Haltung. Beim Dudey ragen die Bordune über die Schulter oder stehen aufrecht, bei den Smallpipes sind sie seitlich befestigt und liegen ungefähr in der Armbeuge oder quer über der Brust. Das heutige Hümmelchen wird meist offen wie eine Blockflöte gegriffen. Die schottischen Smallpipes haben ihre eigene, meist halbgeschlossene Griffweise, die Northumbrian Smallpipes aus Nordengland eine geschlossene, bei der jeweils nur ein Loch zur Zeit geöffnet wird.
Kleine Dudelsäcke dieser Art gab es in vielen Regionen Europas. Einige Traditionen sind verschwunden, andere wurden in den letzten Jahrzehnten wiederbelebt, darunter das Hümmelchen.
Warum das Hümmelchen leise ist
Entscheidend ist die Bohrung der Spielpfeife. Beim Hümmelchen ist sie eng und zylindrisch, der Durchmesser bleibt über die ganze Länge gleich. Die meisten großen Dudelsäcke haben eine konische Bohrung, die sich zum Ende hin erweitert.
Eine zylindrische Röhre, die am Rohrblatt geschlossen ist, verhält sich akustisch wie ein gedacktes Rohr (an einer Seite verschlossenes Rohr) und schließt nur ein Viertel der Wellenlänge des Grundtons ein. Eine konische Röhre schwingt wie ein offenes Rohr und schließt die halbe Wellenlänge ein. Bei gleicher Länge klingt die zylindrische gedackte Pfeife deshalb eine Oktave tiefer.
Auch die Obertöne verteilen sich anders. In der zylindrischen Röhre entstehen vor allem die ungeradzahligen, wie bei der Klarinette, was den wärmeren, leicht näselnden Klang des Hümmelchens erklärt. Die konische Röhre hingegen bildet alle Obertöne aus und strahlt ihren Schall über die sich weitende Öffnung sehr wirkungsvoll ab.
Für die Messung habe ich ein Hümmelchen und einen Mittelalter-Dudelsack mit einer Handy-App verglichen, aus etwa einem Meter Abstand im selben Raum: 75 Dezibel gegen 105. Je nach Instrument, Rohrblatt und Spieldruck schwanken solche Werte um ein paar Dezibel, und ein Handy misst nicht geeicht. Am Unterschied ändert das wenig. 30 Dezibel entsprechen der tausendfachen Schallintensität, unser Ohr empfindet das ungefähr als achtmal so laut.
Warum das Hümmelchen so vielseitig ist
Seit den 1970er Jahren haben Instrumentenbauer das Hümmelchen immer weiter verfeinert. Ein modernes Instrument spielt innerhalb seines Tonumfangs von einer None oft voll- oder teilchromatisch, also mit allen oder vielen Halbtönen. Das gelingt über Gabelgriffe, bei denen unter einem offenen Loch weitere geschlossen bleiben. Für die beiden tiefsten Töne braucht es zusätzlich Doppellöcher.
Die Smallpipes haben ebenfalls eine zylindrische Bohrung und klingen meist etwas lauter, Gabelgriffe funktionieren auf ihnen aber nicht sauber. Deshalb lässt sich jede Smallpipe-Melodie auf das Hümmelchen übertragen, solange sie nicht über eine None hinausgeht. Umgekehrt geht es nur, wenn die Melodie in die mixolydische Grundtonleiter der schottischen Smallpipe passt.
Neben Musik aus Mittelalter und Renaissance finden auf dem Hümmelchen deshalb auch schottische und nordenglische Melodien Platz, ebenso irische Stücke, Ball-Folk, Neukompositionen und vieles mehr.
Wie schwer ist der Einstieg?
Die Griffe sind schnell erlernt. Die Grundtonleiter hat neun Töne vom tiefen C bis zum hohen D, und wer als Kind Blockflöte gespielt hat, hat bereits eine sehr gute Grundlage für Hümmelchen und Mittelalter-Dudelsack.
Länger dauert meist das Erlernen des Druckhaltens. Pusten, beim Luftholen mit dem Arm den Ton halten, Töne greifen und dabei hören, ob alles stimmt: Am Anfang ist das echtes Multitasking. Mit regelmäßigem Üben wird es zum Automatismus.
Weil der Sack die Luft speichert, spielt ein Dudelsack ohne Pausen, und der Atem ist vom Ton entkoppelt. Du atmest in einem ruhigen Rhythmus, während das Instrument weiterklingt.
Zwei Tipps aus meinem Unterricht:
Übe die Griffe zuerst ohne Sack. Viele Hümmelchen haben einen Spielpfeifenadapter, mit dem du die Spielpfeife einzeln spielen kannst. Ersatzweise geht es mit einer Sopranblockflöte mit derselben Griffweise.
Lieber kurz und oft als lang und selten. Zehn Minuten am Tag bringen dich weiter als eine Stunde am Sonntag.
Hümmelchen, Mittelalter-Dudelsack oder Kammerdudelsack
Im Erstgespräch kläre ich, welche Art Dudelsackmusik begeistert, wie viel Zeit zum Üben verfügbar ist und ob ein ungestörter Raum vorhanden ist. Auch wer eher vom großen Mittelalter-Dudelsack begeistert ist, steigt oft mit einem Hümmelchen ein, da die Spielweise nahezu identisch ist und ein späterer Umstieg problemlos gelingt.
Zwischen beiden Instrumenten liegt der Kammerdudelsack (auch als Mittelalter-Smallpipe bezeichnet), im Grunde ein tiefes Hümmelchen in A mit derselben Tonleiter wie der große Mittelalter-Dudelsack.
Dein Start mit dem Hümmelchen
Im kostenlosen Hümmelchen-Schnellstart bekommst du ein 10-seitiges PDF und rund 30 Minuten Video für einen entspannten Einstieg:
Aufbau und Pflege
Grifftabelle
einen Crashkurs Druckhalten
deine erste Melodie
Videos, in denen ich dir jeden Schritt zeige
Quellen
Sebastian Virdung: Musica getutscht, Basel 1511
Michael Praetorius: Syntagma Musicum II, De Organographia, Wolfenbüttel 1619, Bildband Theatrum Instrumentorum 1620
Marin Mersenne: Harmonie universelle, Paris 1636
Montgomery Smallpipes, 1757, National Museum of Scotland, Edinburgh
Michael Hofmann: Informationen über das Hümmelchen, Schulmodell mit 2 Bordunen
Eigene Messung: Handy-App, ca. 1 m Abstand, November 2026